KOMMENTAR: DER KAMPF UM DAS BUCH
24.08.2009
Das iPhone ist ein E-Book-Reader – mit kleinen Hindernissen. Die Gerüchte um ein Mac tablet mit 10 Zoll befördert auch Apple in die mögliche Riege der Anbieter elektronischer Lesehilfen, auch wenn der Hersteller eher einen multimedialen Ansatz verfolgen dürfte. Denn Lesen gehört laut Steve Jobs zu einer aussterbenden Beschäftigung.
Wovon träumen Bücher, wenn sie schlafen?
Es könnte ein Albtraum sein, der das gemeine Buch des Nachts im Regal umtreibt: Nach Film und Musik steht das Medium im Zentrum eines Großangriffs. So schön das Rascheln von Papier sein mag, so gerne man den Blick über eine wohlgefüllte Bibliothek schweifen lässt und zärtlich mit den Fingern über den Buchrücken streicht – was bleibt einem Medium, wenn es zwischen die Fronten Masse und Wirtschaftlichkeit gerät?
Manch einer erinnert sich: Einen ähnlichen Charme versprühen noch immer liebevoll gehegte Vinyl-Sammlung, die Plattencover sind oft kleine Kunstwerke, die Reduzierung auf schnöde CDs ließ das haptische und optische Element fast bis hin zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen – die Übernahme durch digitale Downloads war dann nur noch ein logischer Schritt.
Das Buch zwischen Markt, Masse und Kultur
Die Buchpreisbindung in Deutschland huldigt noch immer dem Kulturgut Buch, in der Realität ist es längst schnöde, in Massen produzierte Wirtschaftsware. Es gibt sie noch, die kleinen Verlage und schönen Buchprojekte, aber sie nehmen ab. Branchen-Insider sehen im Ende des Ammann-Verlages nur einen Anfang, der Verleger schreibt: Für anspruchsvolle Literatur wird es immer schwieriger. Um erfolgreich zu sein, müsste man neue Wege gehen, sich intensiv mit dem Internet befassen..
Warum das umhegte Buch verschwinden könnte, zeigt auch eine Empfehlung von Branchenberatern an Buchhändler, sie sollen nicht mehr als 25 Verlage ins Sortiment aufnehmen – welche das sind, kann man sich denken und mit dem Wechsel zum Buch als Massenware verschwindet der Charakter des einzelnen, unverwechselbaren Buches. Der Weg für das E-Book, das sich über Preis und bequeme Verfügbarkeit definiert, ist frei.
Bezahlkonzepte
Zeitungs- und Zeitschriftenverlage treibt ein ähnliches Gespenst um, sinkende Werbeeinahmen on- wie offline sorgen dafür, dass neue Geschäftsmodelle in die engere Wahl kommen. Zu Verschenken hat von den Content-Anbietern niemand etwas, wenn die Werbung kippt, muss der Kunde eben zahlen – an diese Strategie glaubt nicht nur der Mediengigant Rupert Murdoch, der die Tage der “kostenlosen Internet-News” für gezählt hält, sondern auch der Axel Springer Verlag, der das iPhone als Testobjekt für bezahlte Inhalte auserkoren hat. Schließlich sei die Zielgruppe finanzkräftig, das Portomonait sitze lockerer und man glaube eben, dass die eigenen Inhalte in Welt und Bild etwas wert seien.
Das iPhone ist ein gutes Beispiel dafür, wie Masse auch kleinere Bezahlbeträge lukrativ werden lässt, auch mit Titeln für 79 Cent kann man Umsatz generieren. Micro-Payment ist eines der Schlüsselwörter, der chinesische Verlag Shanda macht es vor und verkauft erfolgreich Kapitelhäppchen. Einige Autoren sollen damit mehr als hundertausend Euro im Jahr verdienen – goldene Zeiten für Glücksdrachen auch im Westen?
Zahlenspiele: Buch unter Druck
In Amerika ist der Verkauf von E-Books laut IDPF gegenüber dem Vorjahr um 224 Prozent gewachsen, von 11,6 Milliarden US-Dollar Umsatz auf 37,6 Milliarden Dollar. Die Analysten von Barron’s prophezeien, dass Amazon mit dem Kindle rund zehn Prozent des Umsatzes in Nordamerika erzielen könnte. In fünf Jahren sollen 4 Prozent der Amerikaner den Amazon E-Book-Reader ihr eigen nennen.
Ähnlich optimistisch sieht NextGen Research die Marktentwicklung, jährlich soll der Absatz von Geräten mit E-Paper-Bildschirmen um jeweils 124 Prozent steigen und 2013 einen Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar in Amerika erzielen. Auch der Markt außerhalb der USA soll kräftig wachsen und den Marktanteil von derzeit 80 Prozent auf 55 Prozent im Jahr 2003 sinken lassen. NextGen Research sind nicht die einzigen, die Amazon auf den Spuren Apples sehen, der Kindle könnte eine iPod für Bücher werden.
Apple: Der unsichtbare Dritte
Wenn da nicht Apple wäre, denn trotz des kleinen Nicht-E-Ink-Bildschirms haben iPhone und iPod touch auf dem Buchmarkt für Furore gesorgt, Amazon hat neben einer eigenen Buch-Applikation auch den erfolgreichen E-Book-Reader Stanza übernommen und damit ein Zeichen gesetzt. In Amerika hat jüngst mit Barnes & Nobles eine weitere Größe seinen Fehdehandschuh in den Ring geworfen und die Gerüchte um das Mac tablet befeuern die Fantasie. Wenn das Gerät tatsächlich im September oder Anfang 2010 erscheint, könnten die Buchseiten neu gemischt werden, auch für die derzeitigen Analysen und Studien.
Alle gegen Einen: Amazon, Microsoft und Yahoo gegen Google
Wie heiß umkämpft der Markt ist zeigt jetzt eine Allianz, die sich gegen Googles E-Book-Pläne verschworen hat. Microsoft und Yahoo sowie der Kindle-Hersteller Amazon sind am Freitag der Open Book Alliance beigetreten. In der Kritik steht Googles Umgang mit dem Urheberrecht, auch in Deutschland werden die Pläne des Internet-Riesen durch den Heidelberger Appell scharf kritisiert.
Im Kern kritisiert die Open Book Alliance, dass Google das Recht auf den Vertrieb von Büchern habe, deren Rechte nicht geklärt sind. Das würde Google zu viel Kontrolle über E-Books einräumen und den Literaturbetrieb in Zukunft schädigen. Auch die Nachvollziehbarkeit des Leseverhaltens der Anwender könnte theoretisch zum Missbrauch einladen.
Die Antwort von Google: Die Angreifer hätten lediglich Angst vor dem Wettbewerb; viele der Bücher, die Google veröffentliche, seien seit Jahren nicht mehr anders verfügbar. Ähnlich wie Apple schüttet Google 70 Prozent an die Autoren aus und behält 30 Prozent. Die Seite Electronista betont den Einstieg von Microsoft in die Allianz gegen Google und sieht darin ein Anzeichen, dass auch Redmond stärker im Markt mitmischen will. Apple fehlt hingegen in der Alliance.
Eine Frage der Hardware: Fällt zum Jahresende das Monopol?
Während der Kampf um Inhalte und Bibliotheken tobt und Verlage ihre Fühler mal mehr oder weniger vorsichtig ausstrecken, scheint eine andere Entwicklung zu stagnieren: E-Ink. Das E-Papier hat gegenüber herkömmlichen Bildschirm entscheidende Vorteile: Es verbraucht nur Strom, wenn man Seiten umblättert.
Der Effekt: Die Schrift steht fast wie gedruckt auf dem elektronischen Papier, es flackert und leuchtet nichts. Nachteile hat E-Ink auch, neben der (fast immer) fehlenden Farbdarstellung gehört dazu das kurze schwarze Aufflackern beim Seitenumblättern, wenn sich die Tinte neu arrangiert. Mangels fehlender Hintergrundbeleuchtung braucht man für das Lesen unter der Bettdecke – wie beim guten alten Buch eine Taschenlampe.
Problematisch ist derzeit die Bildschirm-Quelle denn der Hersteller E-Ink Corp. nimmt hier eine marktbeherrschende Stellung ein – das erklärt, warum fast alle E-Reader in einer ähnlichen Preislage angesiedelt sind. Der Bildschirm ist das teuerste Teil und macht beim Kindle 2 angeblich ein Drittel der Herstellungskosten aus.
Das dürfte auch für ein neues Lesegerät von Adtec gelten, Ende September will der Hersteller das eSlick in Japan veröffentlichen. Sechs Zoll ist der Bildschirm groß, es stellt Graustufen dar und soll umgerechnet 319 US-Dollar kosten. Interessanter als dieses Gerät ist die Ankündigung für 2010, dann soll es den E-Book Reader mit Farbdarstellung geben.
Laut TechOn steht auch tatsächlich eine Änderung der Versorgungslage ab Ende 2009 bevor, dann sollen zum Beispiel Bridgestone Corp. aus Japan und SiPix Imaging Inc. aus den USA ihre E-Papier-Lösungen an Hersteller liefern können. E-Ink will ab dem vierten Quartal 2010 Farbe ins Spiel bringen, Fujitsu hat bereits mit Flepia einen – sehr teuren – farbigen E-Book-Reader im Programm und will das Display auch anderen Herstellern anbieten.
Es gäbe dann eine größere Auswahl an passenden Bildschirmen und würde vor allem das Ende des E-Ink-Monopols bedeuten, die Folge wären sinkende Preise für die Hardware. Spätestens, wenn der eines E-Book-Readers in der Größenordnung von drei bis vier Hardcovern liegt, wird es dann tatsächlich eng für dieses wunderbare Ding, das man Buch nennt.
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1 Kommentar
[...] Das E-Book und das Ende des Buches « Macmagazin "Im Kern kritisiert die Open Book Alliance, dass Google das Recht auf den Vertrieb von Büchern habe, deren Rechte nicht geklärt sind. Das würde Google zu viel Kontrolle über E-Books einräumen und den Literaturbetrieb in Zukunft schädigen. Auch die Nachvollziehbarkeit des Leseverhaltens der Anwender könnte theoretisch zum Missbrauch einladen." (tags: googlebooks googlesettlement geschäftsmodell geistiges_eigentum copyright open_book_alliance ebook medienwandel Urheberrecht 2009 08/2009 mac-magazin) [...]