26.01.2010
Der Weißwurstäquator ist den meisten Deutschen bekannt: Südlich des Mains liebt man die Weißwurst, nördlich davon erweckt sie fast schon Brechreiz. Als Diaspora-Bayer gehöre ich natürlich zu den Liebhabern der Weißwurst und kann überhaupt nicht verstehen, dass irgendjemand – außer dem Vegetarier-Pöbel – diese Delikatesse verschmähen kann. Das heißt, ich kann’s schon irgendwie verstehen. Denn die meisten Nordlichter, die noch nie eine echte Münchner Weißwurst gegessen haben, kennen ihren wunderbaren Geschmack überhaupt nicht. In Berlin werden jedenfalls keine richtigen Weißwürste verkauft. Was hiesige Fleischer anbieten, sind weiße, nach Instantbrühe schmeckende Fleischdildos. Zum Kotzen.
Doch meine Theorie haut irgendwie nicht hin. Denn wenn ich nach einem Heimatbesuch meine Freunde zum Weißwurstessen einlade, passiert fast immer das gleiche: Die Süddeutschen verputzen begeistert vier bis sechs Kingsize-Exemplare, während die Nordlichter aus Höflichkeit eine Wurst runterwürgen, wobei fast die Hälfte an der Haut hängenbleibt. Zumindest bei denen, die sie abmachen …
Das gleiche Problem gibt’s aber auch umgekehrt, schwarz statt weiß, Nord-Süd- statt Süd-Nordgefälle: Lakritze. Für mich ist das Zeug einfach nur widerlich. Als ob man Putzmittel mit viel Zucker genießbar gemacht hätte. Nicht umsonst nennen wir Bayern dieses medizinische Abfallprodukt “Bärendreck”. Wobei zu überlegen ist, ob man Meister Petz damit nicht beleidigt.
Auch die Haribo-Schnecken bestehen hauptsächlich aus konzentriertem Süßholzsaft.
“Du kennst doch nur diese ekelhafte Haribo-Massenware”, beginnen die Missionare aus dem Norden oft ihre Predigt. “Das ist wie Hartwurst mit italienischer Salami zu vergleichen. Du MUSST einfach mal RICHTIGE Lakritze probieren. Du wirst schon sehen, dann kommst auch Du nicht mehr davon los.”
Als Kind bekam ich ab und zu von Nord-Verwandten Lakritz-Mischungen geschenkt. War das eine Arbeit, die leckeren Süßigkeiten vom Bärendreck zu befreien!
“Na guuut, wo gibt’s den echte Lakritze?” Hast Du ein Glück, einer der besten Lakritzeläden Deutschlands – vielleicht sogar DER beste – ist in Berlin!” “Na, ist ja toll. Und wo?” “In der Graefestraße. Du kannst also vom Türkenmarkt aus einen kleinen Abstecher machen. Der Laden heißt kadó. Total schick, Du wirst Ihn lieben.”
Der Laden ist wirklich schön, da haben die Fischköppe schon recht.
Nachdem nur Schulschwänzer bei -17 Grad Obst und Gemüse kaufen, habe ich mir den Weg übers Maybachufer gespart und bin lieber direkt mit der U8 zur Schönleinstraße gefahren und dann durch die Böckh- zur Graefestraße geschlittert.
Das schmucke Geschäft macht echt was her, also habe ich einigermaßen optimistisch den Laden betreten. Der Geruch: wider Erwarten angenehm. Die Einrichtung: geschmackvoll, ein wenig auf alt getrimmt. Das Angebot: überwältigend.
Obwohl das kadó mitten in Berlin ist, hatte ich mich kaum umgesehen, da stand schon ein (freundlicher!) Verkäufer vor mir. “Wie kann ich Ihnen helfen?” “Nun ja, wie soll ich’s sagen. Tja nun. Also, ich habe von Lakritze keine Ahnung, bin sozusagen ein Lakritze-Skeptiker. Aber ich bin bereit, mich überzeugen zu lassen.”
Über das Gesicht des Verkäufers huschte ein Schatten, ich hab’s genau gesehen. Danach war sein Lächeln wieder da. Jetzt aber routiniert und irgendwie herablassend. “Süß oder salzig?” Oh Gott, stimmt ja. Da gibt’s Leute, die salzige Salmiak-Pastillen essen. Salmiak! Das kommt bei mir aufs Fenster oder ins Klo, aber sicher nicht in den Mund. “Süß, bitte.”
Lakritze-Fans sind auch irgendwie Nostalgiker. Dies lassen zumindest die schönen Dosen im Schaufenster des kadó vermuten
Mit einer ausladenden Armbewegung deutete er auf ein Wandregal und die Auslage vor ihm. Sehr viele Gläser und Döschen. Alles sehr interessant und sehr schön designt. Auch ohne Belehrung sah ich sofort, dass es unzählige Geschmacksrichtungen gibt, die ich nicht kenne und ergo auch keine Entscheidung treffen kann. Bevor er mir die nächste Frage stellen konnte, schwenkte ich schon die weiße Fahne: “Haben Sie nicht eine Mischung, wo ich alles mal ausprobieren kann?” Natürlich hatte er. Seit 1997 ist der Laden Berlins (und Deutschlands) erste Lakritzadresse, da ist man an Leute wie mich schon gewöhnt. Ohne hinsehen zu müssen, stellte er mir eine durchsichtige Plastikdose mit 200 Gram “süßmilder” Mischung hin. “Süßmild” – könnte auch “Für Weicheier” draufstehen. Nun gut.
“Gibt’s nicht” gibt’s im kadó nicht
Um nicht ganz als Depp dazustehen, stellte ich noch ein paar “kluge” Fragen. Ob sie die Lakritze selbst herstellten, wollte ich beispielsweise wissen. “Nee, viel zu aufwendig. Wir bestellen die Ware in der ganzen Welt. In Belgien lassen wir aber ein paar Spezialitäten nach unseren Rezepten herstellen.” Das hörte sich interesant an. Und weil das pechschwarze Döschen mit kadó-Schriftzug so schön war, kaufte ich mir zu meiner Weichei-Mischung noch Ingwer-Karrees. 95 Gramm für vier Euro fuffzig. Noch schnell ein paar Fotos gemacht. “Sie haben aber einen schönen Laden. Darf ich?” Und dann schnell raus.
Zu Hause habe ich mich dann hingesetzt und probiert. Streng darauf bedacht, nicht die ärztlich empfohlene Höchstdosis von 100 Gramm reiner Lakritze pro Tag zu aufzunehmen. Kann zu Bluthochdruck führen. Weniger ist sogar gesund, zum Beispiel für den Magen. Entzündungshemmend. Bei Herpes soll Süßholz die Blüte bekämpfen.
Gut, aber hier geht’s um Geschmack. Und da ist mir nicht zu helfen. Nach fünf Geschmacksmustern musste ich abbrechen, sonst hätte ich gebrochen. Tut mir leid. Die Leute, die sagen, dass man Lakritze schon von Kindesbeinen an essen muss, haben recht. Ich alter Sack werde das “schwarze Glück” nicht mehr finden. Na ja, die Ingwer-Karees sind ganz okay. Die schmecken aber auch kaum nach Lakritz, sondern mehr nach Ingwer und Anis.
Die Lakritze-Leckerlis gefallen mir im Regal besser als im Mund
Ich habe da übrigens auch eine ganz eigene Theorie. Im Norden trinkt man doch viel Tee. Und zu aromatisiertem gekochten Wasser passt Lakritze sehr gut. Ich habe allerdings nach meinem Experiment versucht, einen Espresso zu trinken. Und das geht gar nicht. Oder könnt Ihr Nordis das? Schmeckt Euch vielleicht sogar Lakritze zum Kaffee? Ich fürchte fast ja. Trotzdem beneide ich Euch Schlickrutscher. Ihr habt einen tollen Laden in Berlin, der offenbar die besten Lakritzprodukte der Welt anbietet und sogar verschickt. Und was habe ich? Eingeschweißte Bio-Weißwürste von Kaiser’s. Danke. Oder kennt vielleicht jemand einen bayrischen Fleischer, der richtige Weißwürste machen kann? Für Hinweise biete ich eine kaum gebrauchte süßmilde Lakritz-Mischung an.
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3 Kommentare
Ich bin waschechter Hamburger und ich liebe Weißwürste UND Lakritze. Gibt sehr gute Weißwürste bei einem Schlachter im Märkischen Viertel (o.k., ist Dir zu weit), aber schonmal die von Schlemmermaier (in der ganzen Stadt) probiert?
Für gute Weißwürste fahre ich sogar ins Märkische Viertel! Die Schlemmermaier-Teile sind ganz okay, sind aber mit zu wenig Petersilie gemacht und haben so einen unangenehmen Geschmack nach gekörnter Brühe.
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