30.11.2009
Turntable-Legende: Technics SL-1210 MK II
Am Samstag habe ich mich über Club-Betreiber geärgert, die ihre Turntables übel verkommen lassen. Bei denen vollgedröhnte Gabber-Grobmotoriker die Tonarme in Fräsen verwandelt haben, die teures Vinyl nur deshalb nicht vernichten, weil die Systeme abgelutscht sind wie ein zehn Minuten altes Ricola-Bonbon. Aber obwohl zumindest bei einem der beiden Technics-Plattenspieler ein Werkstattbesuch schon vor fünf Jahren fällig gewesen wäre, haben sie mit untergelegten Bierdeckeln und ein paar Schraubendrehungen die Nacht brav ihren Dienst verrichtet, ohne dass eine einzige Rille über den Jordan ging. Zum einen lag das daran, dass ich – wie jeder DJ, der seine Platten liebt - meine eigenen Systeme mitgebracht habe. Zum anderen ist der Technics SL-1210 MK II unverwüstlich, ein Plattenspieler für den Fronteinsatz. Jeder Club hat “Zwölfzehner”, seine silbernen Brüder – die SL-1200-Reihe – oder einen der Nachfolger auf dem DJ-Pult stehen. Alles andere ist Mist. Die 12er-Serie von Technics ist zum Standard gewordene japanische Wertarbeit. Kein Plattendreher muss den kleinen Schraubenzieher für die Headshells dabei haben, denn es gibt nichts zu justieren. Selbst in Läden, die man nicht kennt, kann man sich darauf verlassen, dass Technics-Maschinen bereitstehen.
Für Elektro-DJs gemacht, von 45er-Sammlern geliebt: das System Whitelabel von Shure
Damit ist jetzt Schluss. Nach über 30 Jahren stellt Panasonic die Produktion der 1200er- und 1210er-Plattenspieler seiner Tochter Technics im kommenden Februar ein. Zu geringe Nachfrage, es lohnt sich nicht mehr. So schlicht klingt das Todesurteil für die berühmtesten Turntables der Welt.
1978 erblickte die MK-Serie als Club-Variante des Wohnzimmer-Plattenspielers Technics SL-1200 (1972) das Licht der Welt. Gehäuse und Teller aus massivem Aluminiumguss, Quarz-Direkt-Antrieb, vibrationsschluckender Sockel, Tonarm mit Kardanaufhängung, stufenlose Geschwindigkeitsregelung (Pitch). Alles zusammen 11 kg schwer. Nicht mehr und nicht weniger. Kein Schnickschnack, sondern Qualität.
Das magische rote Licht des Drehknopfs zum Ein- und Ausschalten
Rund drei Millionen Geräte wurden bis heute verkauft. Unglaublich. Im Guiness-Buch der Rekorde steht der Technics SL-1210 MK II als am längsten produziertes Konsumenten-Elektronik-Produkt – der VW-Käfer unter den Plattenspielern. Ähnlich wie beim “Kugelporsche” verbinden viele auch Emotionen mit dem Plattenspieler. Geht mir auch so. Ich mache die Augen zu und kann mir ganz genau vorstellen, wie sich die Start/Stop-Taste, der Power-Knopf oder der Pitch-Fader anfühlen. Wie der starke Elektromotor den Teller unter der Slipmat durchzieht.
Zu perfekt sind die 12er aber nicht. Die Nadel-Beleuchtung gibt früher oder später den Geist auf. Und weil das Birnchen nicht ganz unkompliziert zu wechseln ist, suchen in vielen Clubs die DJs mit verkniffenen Augen die Rille zwischen den Tracks. 45er-Jockeys kann das Wurst sein – ein Lied pro Seite. Das macht’s nicht nur im Alter einfacher.
Diese Tasten gehen nicht kaputt
Schluss. Aus. Vorbei. Die CD- und Laptop-DJs haben gewonnen. Na ja, fast. Denn so lange es Ersatzteile gibt, werden die Technics-Turntables ihren Platz in den Clubs behaupten. Und das kann noch eine ganze Weile sein. Ich habe gelesen, dass ein 1210er für eine MTV-Spot in einer Badewanne versenkt wurde und nach zwei Tagen wieder problemlos gespielt hat. Und wer weiß, vielleicht überlegt sich Panasonic die Sache noch einmal. Wäre ja nicht das erste Mal. Irgendwie glaube ich aber, dass die Japaner diesmal Ernst machen. Da kann man schon mal ein paar Tränen vergießen:
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12 Kommentare
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von MacMagazin.de, Florian Gründel erwähnt. Florian Gründel sagte: Grrr Vor diesem Tag habe ich mich immer gefürchtet: http://www.macmagazin.de/13829/abgedreht/ #dreckslaptopkasperdieglaubensiekönnenauflegen [...]
Es gibt keinerlei gesicherte Informationen zu diesem Thema – und dennoch wird dieses Gerücht im Netz verbreitet, als sei es eine Nachricht.
Panasonic Deutschland dementiert: http://www.golem.de/0911/71543.html
Angenehm unaufgeregt wird hier über die letzten Gerüchte berichtet: http://www.skratchworx.com/news3/comments.php?id=1374
gott sei dank ‘ne ente. dann betrachten wir meinen beitrag einfach als würdigung der 12er von technics.
… und ich dachte noch beim lesen “wer geht ohne eigene Systeme los?” aber dann kam es ja auch schon.
Der 1210er ist schon länger nicht mehr mein Lieblingsplayer (Drehmoment, … bin immer mal wieder erstaunt, wie zart der anzieht) aber die Qualität und Unzerstörbarkeit ist wirklich sagenhaft.
motorkraft bieten andere mehr, das stimmt. aber meine 45er zieht der 1210er locker vom hocker.
… allerdings, bei 45ern ist eher die Qualität der Slipmats ein Thema. :-)
Bei Drum & Bass macht es mit höherer Motorkraft einfach mehr Spass,
besonders weil man dann etwas ruppiger (und damit schneller) eindrehen kann.
slipmats müssen bei 45ern auch gut aussehen – liegt ja viel und oft frei: http://www.ifmusic.co.uk/product.php?products_id=8430
welche turntables hast du denn? in manchen foren wird ja ob der panasonics-eierei ja auch über die zukunft der plattenspieler diskutiert. ich steige nicht mehr um, aber es interessiert mich trotzdem.
Einen echten Geheimtipp, den Synq X-trm 1. Das Tonarmgewicht ist ein wenig fummelig, aber wenns einmal stimmt ist der Player wirklich klasse.
Nette Features (die man zugegeben selten nutzt) sind z.B. stufenlos regelbare Start- und Stopzeiten. Rückwärtslauf. Ein 2. Start-Stop Taster für alle die die Player hochkant nutzen. Veränderbare pitchbreite mit einfachem Knopfdruck bis +-50 %. … und eben der Wahnsinnsmotor. Line und Phonomode schaltbar, abnehmbare Kabel (vergoldet) mit abgeknickten Steckern (zum sauber verlegen). Dazu sieht das Ding auch noch ganz edel aus. Das alles für ca. 300 Euro pro Stück. Bei mir seit Jahren im Heimgebrauch völlig ohne Zicken. Anbei noch ein Link zu einem Testbericht. Nicht von mir.
http://www.deejayforum.de/19-testgelaende/28583-turntable-synq-x-trm-1-a.html
hier nochmal ein aktuellerer link mit Bildern und ein paar mehr Infos
http://www.djservice.com/dj_equipment/-n-d/11_tt.html?main=/dj_equipment/synq_xtrm_sync_extrem.html
Das Teil macht echt was her. Scheint eine gelungene Kombi von den Vorteilen anderer Turntables zu sein. Für mich hat der Platttenspieler aber eindeutig zu viele Knöpfe. Früher oder später würde ich garantiert aus Versehen den falschen drücken. Für andere DJs trifft das sicher nicht zu. Das hängt halt davon ab, wie und für welche Musik man einen Turntable nutzt. Jedenfalls kann man sagen, dass es auch ohne 1210er weitergehen würde – muss aber nicht sein.
Ist halb so schlimm wie es aussieht, da die wenigsten Knöpfe direkten Einfluss auf die laufende Platte haben. Ausser natürlich 33/45/78 und Start/Stop. ;-) Die beiden kleinen silbernen Knöpfe neben der Beleuchtung sind z.B. die Drehregler für die Start- und Stoppgeschwindigkeit. Ausserdem sind die Druckpunkte recht klar definiert, die muss man schon recht bewusst drücken die Knöpfe.
Zusammenfassend kann man sicher sagen, der Ausstieg von Panasonic wäre sicher das Ende einer Ära, aber nicht das Ende der Vinyl-DJ Welt. Ich persönlich denke, solange es eine Nachfrage gibt, wird es auch Player geben. Die Frage ist nur zu welchem Preis.
Wenn wir irgendwann mal keinen Bock mehr haben Platten zu drehen, dann wird wohl endgültig die Laptop-Generation übernehmen. Innerhalb der aktiven Szenen ist der Trend ja mehr als deutlich zu spüren. Ist halt auch billiger (die saugen doch eh alles aus dem Netz) und ne schwere Plattenkiste muss auch keiner mehr tragen. Sehe ich bereits an meinem nur 7 Jahre jüngeren Bruder: Convenience rules, das muss alles von selbst und ohne Aufwand und Übung sofort Ergebnisse liefern. Nur ein altehrwürdiges Handwerk mehr wird leise abtreten. Schade drum.
Wir Sammler werden nie ohne Turntables auskommen. Und auch viele “moderne” DJs werden nie anders auflegen wollen. Ich denke, dass es noch sehr lange – auch neue – Plattenspieler geben wird.