BUSINESS CARD READER IM PRAXISTEST
11.11.2009
Seit kurzer Zeit tummelt sich der Business Card Reader im App Store: Er verspricht ein einfaches Scannen von Visitenkarten, die erkannten Daten landen dann gleich in der Maske für die Kontakte. Ob und wie das funktioniert, soll ein Praxistest zeigen.
Eine Warnung vorweg: Das iPhone 2G und 3G versagt wie vom Hersteller angegeben bei der gestellten Aufgabe, hier muss man zusätzlich in Hardware investieren, sprich, ein iPhone-Makro-Objektiv muss es sein.
Zudem braucht man gutes Licht, was in der dunklen Jahreszeit ein wenig kniffelig sein kann: Da man das iPhone ziemlich nah an die Visitenkarte heranführen muss, sind Schatten fast unvermeidbar. Dazu später mehr.
Im ersten Schritt führt man das iPhone so dicht an die Visitenkarte, dass man den ganzen Text im Rahmen möglichst formatfüllend erfasst. Nachdem das Bild scharf auf dem Bildschirm erscheint, knipst man los und bestätigt das gemachte Bild. Nun beginnt die App das Bild zu scannen, was nach einer kurzen Verzögerung beginnt.
Sobald der Vorgang abgeschlossen ist, zeigt der Business Card Reader das Kontaktformular an, in dem die Daten hoffentlich schon in den richtigen Feldern stehen. Bei bereits vorhandenen Kontakten bietet das Programm an, die Daten zu „verschmelzen“.
Der Test mit diversen Visitenkarten überraschte den Tester: Während erste Tests mit dem 3G nicht brauchbar waren, erkennt die App auf dem 3GS die Daten ziemlich gut, manchmal sogar fehlerlos. Lediglich zwei Probleme tauchten auf: Wenn dank Schattenwurf ein Teil der Visitenkarte im Dunkeln liegt, leidet die Erkenntnisfähigkeit deutlich, was im Test bei kleinen „Randschriften“ dann auch auftrat.
Ein zweites Problem betrifft nicht die App selbst, sondern „kreative Gestalter“, die zum Beispiel mit unüblichen Abkürzungen arbeiten – wenn lediglich ein „e“ anzeigt, dass es sich hier um eine E-Mail-Adresse handelt, dann ist die App überfordert, auch wenn der Mensch allein am @-Zeichen schon das Wesen der Information erfasst.
Problematisch bei diesen Fast-Genau-OCRs ist es, dass man eben doch jeden Eintrag überprüfen muss. Klammern in Telefonnummern lässt das Programm zudem einfach weg, so dass man bei der gebräuchlichen Formatierung +49 (0)511 die 0 anschließend löschen muss. Durchaus ein verschmerzbares Problem. In einem anderen Fall wurde aus einem Manager ein Aanger, obwohl der Bereich eigentlich am Besten fokussiert und beleuchtet war – womöglich machte der Trend zu kleinen Schriften auf Visitenkarten hier einen Strich durch die OCR-Rechnung. Pünktchen bei Umlauten können ebenfalls ein Problem darstellen.
Um die Erkennung schnell zu überblicken und zu bearbeiten, bieten sich aber zwei Hilfsmittel an. Falls der Kontakt sich auf Linkedin eingetragen und sein Profil auch treu und herzig eingetragen hat: Glückwunsch. In der App kann man sich dann direkt die entsprechende Seite anzeigen lassen. Von den getesteten Business-Visitenkarten war aber  niemand bei Linkedin zu finden, in Deutschland ist dann doch Xing der Platzhirsch.
Ein zweites Feld ist praktischer, über „View recognized info as plain text“ kann man die erkannten Infos sehr viel schneller durchgehen und korrigieren als in den einzelnen Feldern. Am Schluss speichert die App noch den Visitenkarten-Scan zum Kontakt ab – rudimentär lässt es sich auch bearbeiten, das heißt in diesem Fall skalieren und bewegen. Auf Wunsch kann man hier aber auch ein neues Foto aufnehmen.
In der Praxis hieße das: Auf dem Messestand die Visitenkarte entgegennehmen, das iPhone aus der Tasche ziehen und den Scan laufen lassen, anschließend ein wenig (oder mehr) korrigieren und dann ein Bildchen vom mehr (oder weniger) staunenden Gegenüber schießen.
Das Fazit: Interessante App, interessantes Konzept, das auf dem 3GS überraschend gut funktioniert. Die optimale Lösung für Vielvisitenkartensammler ist es sicherlich nicht, aber zumindest kann sie einen Teil der Arbeit abnehmen – man darf nicht vergessen, dass man von Hand abgetippte Namen und Nummern auch noch korrigieren muss. Die Wertungen im App Store zeichnen ebenfalls ein überwiegend wohlwollendes Bild, passende Hardware vorausgesetzt. Warum man im digitalen Zeitalter allerdings überhaupt noch mit diesen kleinen, schnell veralteten und eigentlich wahnsinnig unpraktischen Kärtchen hantieren muss, das fragt sich der Verfasser dieser Zeilen nicht erst seit gestern.
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