02.11.2009
Mehr als übertrieben: Jacko-Statue anlässlich der HIStory World Tour 1997 (Foto: Sjor Provoost)
Okay, es heißt, über Tote soll man nicht schlecht reden und auch nicht schlecht schreiben. Aber mir geht der Jacko-Hype inzwischen mächtig auf den Zeiger. Seitdem ihm sein Arzt dabei geholfen hat, das Old-Soldier-Schicksal (”Old soldiers never die, they just fade away”) abzuwenden, ist es echt nicht mehr lustig als Soul-DJ zu arbeiten. Ständig steht irgendjemand vor Dir und fragt nach “Thriller”, “Beat It” oder sonst einem Hit der verblichenen Pop-Ikone. Richtig gelesen: POP! Der Mann wurde “King Of Pop” genannt und nicht “King Of Soul”.
Es ist ja alles ganz hübsch und nett, was Michael in seinem verkorksten Leben aufgenommen hat. Und tanzen konnte er auch ganz famos. Will ich ja gar nicht abstreiten. Aber eine Lichtfigur des Soul war er für mich höchstens nur bis Ender der 70er. Mit Quincy Jones als Produzenten sind ihm echt ein paar geile Songs gelungen. Der Rest ist gute Popmusik, prima Videos, ein Haufen Kohle für Papa und die Plattenbosse, beschissene Klamotten und Kinderkram. Und jetzt drehen schon wieder alle durch, bloß weil Joe Jackson und andere Leichenfledderer mit “This Is It” noch ein paar Millionen Dollar aus dem toten Goldesel quetschen wollen.
Der Gipfel der Glorizifierung ist die Behauptung einiger Tränen-Redner, in gewisser Hinsicht habe Michael Jackson einen Präsidenten Obama erst möglich gemacht. Was für ein Bullshit! Wenn so eine lächerliche Übertreibung der Kunst überhaupt auf irgendwelche schwarzen Künstler zutrifft, dann sind das solche Kaliber wie Ray Charles oder James Brown. Die beiden hatten allerdings noch kein MTV. Geschäftstüchtig wie sie waren, hätten sie Jacko vermutlich den Rang abgelaufen. So aber gab’s bei Ihrem Tod ein graues Bild in den Nachrichten und ein paar Sekunden ihrer größten Erfolge. Verglichen zu dem, was Charles und Brown musikalisch (und auch politisch) geleistet haben, ist Jackson ein Zwerg. Wer sich beispielsweise die großartige Doko “The Night James Brown Saved Boston” ansieht, weiß, wovon ich schreibe.
Andere echte Pioniere des Soul & Funk wurden und werden von der breiten Masse sogar völlig ignoriert. Oder kennt Ihr Eddie Bo? Wahrscheinlich nicht. Als er im vergangenen März gestorben ist, hätte ich ohne US-Blogs erst Wochen, vielleicht sogar Monate später davon erfahren. Dabei ist Bo tatsächlich einer der ganz Großen. Er hat in New Orleans Soul gemacht, verändert und weiterentwickelt. Als Musiker, Komponist und Produzent brachte er haufenweise Platten heraus, die echte Leckerbissen sind und hat zahlreiche andere Künstler beeinflusst und begleitet. Obwohl New Orleans sogar einen offiziellen Eddie-Bo-Tag (22. Mai) eingeführt hat, wurde er (bisher) nicht in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenomen. Eine Schande.
Ich könnte jetzt noch endlos weiter über Edwin Joseph Bocage klugscheißen, aber ich lasse besser Vinyl sprechen. Weil eine einzige Single Eddie Bo nicht gerecht werden würde, habe ich einen kleinenMix mit einigen der schönsten 45er mit oder von ihm gemacht.
2 Kommentare
Danke, Danke, Danke! Dieser Text spricht mir aus der Seele.
es gibt viele „unsung heroes“ in der schwarzen musik. son house z. b. ist auch so ein fall, juengst mal wieder erwaehnt in der gitarren-doku „it might get loud“ von davis guggenheim.
trotzdem wuerde ich mit michael nicht so hart umgehen. schon gar nicht, wenn es sich um jemanden handelt, fuer den zeitlebens alles unterhalb von superlativen terra incognita gewesen sein muss. wenn heute jemand „im business“ irgendwo hin will, michael war schon dort. und das in jeder hinsicht, positiv wie negativ.
er ist und bleibt fuer mich ein begnadeter musiker, performer und entertainer. er war uebrigens auch ein hervorragender pianist – ein eher unbekanntes detail aus seinem merk- und denkwuerdigen leben.
mit quincy jones hast du recht. die beiden haetten sich niemals trennen duerfen. ich kann mich noch sehr gut erinnern, als ich seinerzeit „don’t stop til you get enough“ das erste mal auf der tanzflaeche hoerte – ein fuer mich unglaublicher moment. dieser druck im sound, dieser rollende rhythmus liess einfach niemanden kalt. und auch billie jean hatte diesen gaensehaut-faktor, wenn man so tut, als haette man diesen song zuvor noch nie gehoert. ich gebe zu, das ist nicht einfach ;-) …
eddie bo war sicherlich ein pionier. michael jackson hingegen war ein innovator, auf der buehne sozusagen der nachfolger von james brown, was die show und den gnadenlosen perfektionismus betrifft. nach thriller war alles anders. leider auch mit michael jackson (r.i.p.) …