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LEUTE AM MAC

21.10.2009


Wer ist eigentlich Michael Engel?

von Marcel Magis

Der Anwalt, Buchautor und Programmierer Amin Negm-Awad hat sich als nächsten Gesprächspartner Michael Engel gewünscht. Der arbeitet zur Zeit an der TU Dortmund, kennt „prima Witze über C++“ und ist ständig auf der Suche nach NeXT-Hardware, die er seinem „Computermuseum“ zufügen kann. Was sich Engel noch wünscht und ihn über den Apfelrand hinaus bewegt, verrät er im Interview. Wie auch den nächsten Gesprächspartner.

MichaelEngelmacmagazin.de: Erzählen Sie uns vom Startton Ihres ersten Macs.

Dr. Michael Engel: Mein erster Mac produzierte leider gar keinen Startton – der war nämlich defekt. Das war ein gebrauchter Mac Plus, den ich in meinem ersten Semester an der Uni kaufen wollte und wegen des Defekts dann geschenkt bekam. Glücklicherweise war nur eine Diode im Hochspannungsteil hinüber, das ließ sich relativ schnell reparieren. Der erste „Gong“ nach der Reparatur war dann der Lohn für die Mühe.

Die ersten Apple-Rechner, mit denen ich zu tun hatte, waren aber deutlich älter – Apple II europlus zu Schulzeiten, auf denen wir von UCSD-Pascal über Assembler-Programmieren, Hardware basteln bis zu eigener Netzwerk-Hard- und Software so ziemlich alles gemacht hatten, was mit der Hardware machbar war. Da war der Startton noch ein simpler, von einem Flip-Flop produzierter „Beep“ – dafür konnte man noch den ganzen Rechner verstehen, auch wenn Steve Wozniak schon ein paar fiese Tricks in die Hardware eingebaut hatte.
macmagazin.de: Was geht in Ihnen beim Kauf eines neuen Macs vor? Ist das ein Erlebnis oder nur der Erwerb eines Konsumgutes?

Dr. Michael Engel: Bei Apple kann das „Erlebnis“ ja leider in beide Richtungen ausfallen – deshalb herrscht bei einem neuen Mac bei mir erstmal keine uneingeschränkte Freude. Ein Erlebnis, wie ich es mit meinem „alten“ Macbook Pro (erste Generation, zweite Produktionswoche) hatte, möchte ich sicher nicht nochmal: dreimal zur Reparatur, es wird immer noch heiß und fiept und das DVD-Laufwerk hat mittlerweile auch aufgegeben. Positiv hingegen ist zum Beispiel mein aktuelles Macbook Pro 13”, das einfach so funktioniert, wie es soll. Nur im Clamshell-Modus mag es manchmal mit externem Bildschirm nicht aufwachen – aber wake-on-Bluetooth grenzt ja auch schon an Magie. Das Spannende an einem neuen Mac sind für mich auch eher die gut gemachten Details, die man dann oft erst nach ein paar Tagen oder Wochen Nutzung entdeckt (wenn man das Handbuch nicht liest …), wie der Akku-Indikator am neuen Macbook Pro.

macmagazin.de: Verraten Sie uns Ihre drei Top- und eine Flop-Applikation.
Dr. Michael Engel:

Top:

–     OmniGraffle Professional: Für wissenschaftliche Veröffentlichungen müssen sehr oft Diagramme angefertigt werden, die dann als Vektorgrafik (EPS oder PDF) in LaTeX-Dokumente eingebunden werden. OmniGraffle ist für mich dank der vielen gut durchdachten Details wie den Positionierungsmarkern und den vielen Stencil-Bibliotheken das Werkzeug der Wahl dafür. Omni hat schon zu NeXT-Zeiten hervorragende Software gebaut.

–     Adium: Ein Beispiel für ein von Optik und Funktionalität ansprechendes, großes Open Source-Projekt, das ich täglich verwende. Adium ist insbesondere auch ein Vorbild für OpenSource-Entwicklung für den Mac – es wurde nicht einfach (wie zum Beispiel bei Gimp oder alten OpenOffice-Versionen) eine X11-Anwendung auf den Mac portiert, wo sie mehr schlecht als recht läuft, sondern eine OpenSource-Library (die libpurple aus dem pidgin-Messenger-Projekt) mit einer ansprechenden Oberfläche versehen. Das wünsche ich mir für viele Projekte – sonst wird Open Source-Software für den „normalen“ Mac-Anwender nur schwer zugänglich werden.

–     Apples Preview (besonders seit 10.6) und die PDF-Integration in OS X insgesamt: Wenn man viel mit PDF-Dokumenten arbeitet, kommt oft das Problem, dass man Ausschnitte zitieren oder Abbildungen reproduzieren muss. Das fällt gerade in Snow Leopard sehr leicht, da Preview jetzt Spalten in PDFs erkennt und den Text korrekt selektiert. Auch andere Tätigkeiten, wie das Zusammenfügen von einzelnen PDF-Seiten zu einem Gesamtdokument, geht sehr problemlos.

Flop:

–     Terminal.app: das hat leider immer noch so einige Macken. Ich arbeite zu einem großen Teil auf der Befehlszeile, da ist es wichtig, dass die Terminal-Anwendung problemlos funktioniert. Leider gibt es immer noch Probleme mit langen Selektionen und Copy/Paste großer Textmengen.

macmagazin.de: Welches Feature sollten Ihr nächster Mac, Ihr nächstes iPod oder Ihr nächstes iPhone unbedingt haben?

Dr. Michael Engel: Die aktuellen Macs sind schon recht vernünftig, die neuen iMacs gefallen mir extrem gut – nur auf Hochglanz-Displays könnte ich verzichten. Ich würde mir wünschen, dass Apple nicht so mit den Zubehörteilen knausern würde – 29 Euro für Mini-DVI-Adapter sind schon ein happiger Preis, auch die Fernbedienung sollte nicht unbedingt extra kosten. Ansonsten wäre eine längere Garantiezeit ohne den teils horrenden AppleCare-Aufpreis toll; es kann auch nicht angehen, dass ständig erst der Druck vieler Kunden und die Androhung von Sammelklagen dazu führen, dass Apple Produktfehler im großen Umfang nachbessert.

Das iPhone sollte offener werden – und Apple dafür mehr Arbeit in das Sicherheitskonzept investieren. Als Betriebssystem-Forscher mit einem Schwerpunkt im eingebetteten Bereich ist mir natürlich auch die Sicherheit des Systems wichtig und ich kann verstehen, dass die Mobilfunk-Netzbetreiber  – und erst recht die Anwender – keine Schadsoftware auf Endgeräten sehen wollen. Der OS X-Kernel bietet ja schon eine Menge Möglichkeiten, das System sicherer zu gestalten – sie müssen nur konsequenter genutzt werden oder eben die Systemstruktur entsprechend umgebaut, wie zum Beispiel in [3] und [4] beschrieben.

Palm hat sich beim aktuellen Pre auch davon überzeugen lassen, beliebigen Entwicklern die Software-Distribution zu ermöglichen und auch auf Android-basierten Mobiltelefonen ist es wesentlich einfacher, seine Software anzubieten. Vielleicht würde eine alternative Distributionsmöglichkeit – die es für jailbroken iPhones ja längst gibt – auch viel Müll aus dem App-Store entfernen.

macmagazin.de: Welches aktuelle Tagesereignis hat Sie in letzter Zeit besonders bewegt?

Dr. Michael Engel: Die Ereignisse rund um den Militärputsch inHonduras. Südamerika hat viele Möglichkeiten, die aber nur zum Tragen kommen können, wenn sich die Menschen auf stabile politische und wirtschaftliche Verhältnisse verlassen können. Nach allen Erlebnissen mit Militärdiktaturen in verschiedenen südamerikanischen Staaten in den 80er Jahren hatte ich Hoffnung auf eine Stabilisierung der Lage, aber offenbar sind wirtschaftliche Interessen anderer Staaten hier auch immer noch wichtiger als die Situation der Bewohner eines Landes.

macmagazin.de: Amin Negm-Awad hat Sie vorgeschlagen und die Steilvorlage geliefert: Welches ist Ihr Lieblings C++-Witz?

Dr. Michael Engel: Da muss ich aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr in die Nesseln setze, aber vielleicht passt ein Zitat von Alan Kay, dem Entwickler von Smalltalk, von dem Objective C die OO-Eigenschaften „abgeschaut“ hat:

„I made up the term ‘object-oriented’, and I can tell you I didn’t have C++ in mind.“

(Alan Kay auf der OOPSLA-Konferenz 1997). Aber das ist nicht so arg witzig, deshalb vielleicht noch der Spruch hier: „C++ : Where friends have access to your private members“ J

macmagazin.de: Sie lehren an der TU Dortmund und bringen OS X, Objective-C und Cocoa unter. Wie sieht das Mac-Lager an der Uni aus und schwinden die Widerstände gegen OS X langsam aber sicher?

Dr. Michael Engel: Seit einigen Jahren ist ein deutlicher Trend hin zu OS X zu erkennen. Zu den Anfangszeiten von OS X (so 2001–2003) waren kaum Apple-Notebooks auf Konferenzen zu finden, heute ist – gerade in der Informatik – ein Anteil von bis zu 50 Prozent zu sehen. Ein direkter Widerstand gegen Apple war im Forschungs- und Lehre-Bereich nie wirklich existent, ich erinnere mich noch an Labore voller Mac IIx und einen Mac IIfx auf jedem Mitarbeiter-Schreibtisch in der Mitte der 90er Jahre. Das Problem war eher die mangelnde Zukunftssicherheit von Apple-Produkten und die offene Betriebssystemfrage Ende der 90er (warum wurde eigentlich A/UX nie weiterentwickelt?) – durch den Unix-Unterbau von OS X hat es Apple mittlerweile recht leicht, in Bildungseinrichtungen Fuß zu fassen. Im Prinzip – seit Sun die Desktop-SparcStations, IBM die Power-Workstations und SGI die MIPS-Systeme eingestellt hat – sind Macs auch so ziemlich die einzigen Unix-Workstations, die man kaufen kann, von Linux/BSD-basierten PCs mal abgesehen. Objective C (auch C/C++ allgemein) und Cocoa haben es deutlich schwieriger als OS X an sich, das liegt gerade in der Informatik an der starken Verbreitung von Java als Lehr- und Entwicklungssprache – was für den Betriebssystembereich besonders fatal ist.

macmagazin.de Wie wichtig sind soziale Netzwerke? Auf Xing und diversen anderen Netzwerken geben Sie Ihre Tätigkeit nur auf Anfrage heraus – warum?

Dr. Michael Engel: Der Mißbrauch meiner auf Xing veröffentlichten Daten hat mir Anfang des Jahres ziemlichen Ärger bereitet – daher bin ich generell mit Informationen über meinen persönlichen und beruflichen Hintergrund sehr vorsichtig geworden. Allerdings ist es schwierig, Daten, die einmal im Netz sind, wieder aus diesem zu entfernen. Allgemein sollten wir Schülern (und auch unseren Studenten) Datensparsamkeit nahelegen – ein gesundes Mißtrauen allen gegenüber, die mehr als die absolut notwendigen Daten über einen selbst erfassen wollen. Generell nutze ich soziale Netze eher zur Kontaktverwaltung, nicht zur Kommunikation – da sind mir Medien wie Email oder Instant Messaging doch lieber.

macmagazin.de: Was fasziniert Sie an Architektur und Bauhaus in Besonderem?

Dr. Michael Engel: Architekten schaffen es seit Jahrtausenden, komplexe Systeme zu entwerfen und zu realisieren, die nicht nur ihren Zweck, sondern auch Aspekte der Ästhetik erfüllen und gleichzeitig – man schaue sich zum Beispiel die Pyramiden oder das Pantheon an – robust und haltbar sind.

Vieles von dem, was Architekten erreichen, hat die Software noch vor sich. So entstand die Idee der „Patterns“, die im Software-Bereich mittlerweile weit verbreitet ist [1], in den siebziger Jahren in der Architektur ([2], sehr lesenswert). Und auch hier sind uns die Architekten noch voraus – im Software-Bereich werden Patterns oft nur zur Dokumentation oder zur Kommunikation über eine Architektur genutzt; Architekten hingegen leiten Entwürfe für funktionierende Systeme – Gebäude, Stadtviertel, Straßenzüge – aus diesen Patterns ab.

Die Faszination des Bauhauses ist für mich das radikale Umdenken, das stattgefunden hat. Statt überflüssiger Design-Elemente wie Stuck wurden klare Linien und Formen realisiert – wobei das „form follows function“-Prinzip teilweise über die Stränge schlug – und versucht, künstlerische und handwerkliche Aspekte zu vereinen. Hier sehe ich viele Parallelen zu Produkten von Apple und NeXT – gerade bei Entwürfen, die aus der Feder von Jonathan Ive kommen.

macmagazin.de: Die gleiche Frage: Sie sammeln alte Unix-Workstations …

Dr. Michael Engel: Ja, wobei ich aktuell etwas den Überblick verloren habe. In letzter Zeit sind einige NeXT-Systeme hinzugekommen, endlich habe ich auch einen NeXT Cube mit Dimension-Grafik. Die Faszination der alten Systeme liegt unter anderen in der Kontinuität – also darin, dass man mit den Arbeitsmethoden, die man auf Snow Leopard einsetzt, die alten Systeme – sei es nun eine NeXT oder eine Sparc unter Solaris – bedienen kann. Die Kompatibilität über Jahrzehnte hinweg (eines meiner aktuellen Forschungsinteressen) ist alleine schon spannend – oft lässt sich eine Software, die 1991 für NeXTstep 3.0 geschrieben wurde, mit wenig Aufwand auch auf einem aktuellen Snow Leopard kompilieren.

Die alten Systeme machen auch deutlich, wie weit der „Bloat“ der Software gediehen ist – wer heutzutage einmal versucht, eine Woche lang ausschließlich mit einer NeXTstation (25 MHz Motorola 68040 CPU) oder einer Sparc (85 MHz CPU) zu arbeiten, wird mit einem ganz anderen Zeitgefühl an die Arbeit herangehen. Heutzutage gibt es in der Software-Entwicklung viel zu viele trial-and-error-Ansätze, so nach dem Motto „wir jagen’s einfach mal durch den Compiler und schaun, ob’s funktioniert“. Wenn der Compile-Durchlauf eines halbwegs komplexen Programms dann nicht mehr nur 30 Sekunden dauert, sondern eine Stunde, überlegt man sich Änderungen an seinem Code doch deutlich genauer.

Ich mag es auch nicht, wenn funktionierende Dinge „entsorgt“ werden, nur weil sie alt sind. Das führt natürlich auf Dauer zu einem Platzproblem … Einen großen Nachteil hat die Sammlerei denn auch: Umzüge machen keinen Spaß. Übrigens, ich sammle auch alte Macs, der oben erwähnte Mac Plus hat natürlich einen Ehrenplatz im Regal, direkt neben der Lisa…

macmagazin.de: Wie kann man Sie glücklich machen?

Dr. Michael Engel: Aktuell – mit einem interessanten Jobangebot. Einer der großen Nachteile im akademischen Bereich (und auch meiner freiberuflichen Tätigkeit) ist es, dass – mit Ausnahme von Professuren – nur befristete Verträge zu erhalten sind, die meist an die Förderung von Forschungsprojekten gebunden sind. Und ein solcher läuft bei mir gerade aus. Ansonsten mit NeXT-Hardware aller Art und mit mehr Zeit, meinen NeXT-Emulator, der gerade in Arbeit ist, fertigzustellen – oder auch den Mac-on-a-Chip, eine FPGA-Reimplementierung des Ur-Macs von 1984. Oder noch einfacher mit einer guten Flasche Rotwein.

macmagazin.de: Wer soll der nächste Gesprächspartner der Reihe „Leute am Mac“ sein? Warum?

Dr. Michael Engel: Ich möchte Kai Brüning vorschlagen – als Gründer der Firma B&E, die das Softwarepaket RagTime über lange Jahre entwickelt haben, hat er sicher einen tiefen Einblick in den Mac-Markt seit Lisa-Zeiten und kann sicher auch die ein oder andere interessante Geschichte erzählen.

Lesenswerte Literatur:

Erich Gamma, Richard Helm, Ralph Johnson, John M. Vlissides:
Design Patterns: Elements of Reusable Object-Oriented Software
Addison-Wesley Professional, 1994
ISBN-13: 978-0201633610

Christopher Alexander et al:
A Pattern Language: Towns, Buildings,Constructions
Oxford University Press, New York, ISBN-13: 978-0-19-501919-3

Gernot Heiser:
The Role of Virtualization in Embedded Systems
Proceedings of IIES 2008, Glasgow, Scotland, UK, ACM Digital Library

Jörg Brakensiek, Axel Dröge, Hermann Härtig, Adam Lackorzynski and Martin Botteck:
Virtualization as an Enabler for Security in Mobile Devices
Proceedings of IIES 2008, Glasgow, Scotland, UK, ACM Digital Library

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2 Kommentare

michaelengel am 23.10.2009 18:59

Da ist ein wenig was schiefgegangen, der erste Verweis zur Literatur sollte sein:

Erich Gamma, Richard Helm, Ralph Johnson, John M. Vlissides:
Design Patterns: Elements of Reusable Object-Oriented Software
Addison-Wesley Professional, 1994
ISBN-13: 978-0201633610

– Michael

Tizian Nemeth am 24.10.2009 07:35

Danke für den Hinweis. Habe ich gleich mal verbessert.

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